Am Fuß einer alten Eiche hatten sich Bienen ihr Nest errichtet. Dort trugen sie von allen Seiten Nektar zusammen und lebten unbehelligt, bis eines Tages ein Bär vor ihrer Behausung auftauchte, Dem stieg der Duft von Honig in die Nase. Ein unwiderstehlicher Drang überfiel ihn. Er zerstörte das Bienennest und fiel über die Waben her, aus denen der Honig tropfte. Der Bär fühlte sich wie im Himmel. Nie zuvor hatte er eine solche Leckerei gefressen.
Aufgebracht fielen die Bienen über ihn her und versuchten ihn zu stechen. Doch sein Fell war so dicht, dass die Bienen sich darin verfingen und nicht bis zu seiner Haut vordringen konnten. Der Bär erlitt keinen Schaden, das Nest der Bienen aber war verwüstet und all ihre Mühen, für sich und ihre Kinder Vorräte anzulegen, waren umsonst gewesen.
Glücklicherweise geschah dies alles in einem Frühjahr. So konnte die Bienenkönigin verkünden: „Wir sind fleißig und lassen uns nicht entmutigen. Unsre alte Eiche hat viele Löcher, Spalten und Hohlgänge. Wir werden drei Stockwerke höher ziehen und uns ein neues Nest bauen.“ Das taten sie und schon bald hatten sie sich dort eingerichtet. Einen Monat später kam der Bär wieder herbei getrottet. Er kratzte am Fuß der Eiche die Erde auf und musste enttäuscht feststellen, dass die Bienen diesen Ort verlassen hatten. Doch dann blickte er begehrlich zum Baum hinauf. Bären haben eine gute Nase. Er kletterte am Stamm hinauf und als er das neue Bienennest erreicht hatte, riss er die Rinde von der Eiche, griff in die Baumhöhlen und bediente sich erneut an den Waben.
„Damit hatte ich nicht gerechnet“, erklärte die Bienenkönigin, die den Zugriff des Bären nur zufällig überlebt hatte. Sie schickte ihre Arbeiterinnen aus, um nach einem sicheren Standort zu suchen. Den fanden sie mitten in einer nahe gelegenen Felswand. Als nun der Bär ein weiteres Mal versuchte, zu ihrem Nest vorzudringen, rutschten seine Krallen von dem Felsgestein ab. Ein Besteigen war für ihn unmöglich. Als er über einen Umweg auf die Spitze des Felsens gelangte und von dort aus versuchte, das neue Bienennest zu erreichen, wäre er beinahe abgestürzt und konnte sich nur mit letzter Kraft an einer Steineiche festhalten.
Von da an lebten die Bienen ungefährdet und konnten wieder in Ruhe ihren Blütennektar einsammeln. Doch einige ließen sich nicht davon abhalten, wann immer sie dem Bären wieder begegneten, ihm schadenfroh um die Nase zu schwirren.
Die Moral dieser Fabel ist eindeutig: Unkontrollierte Wut und impulsives Handeln führen oft zu weitaus größeren Problemen. Der Bär hätte sich mit dem einen Bienenstich zufriedengeben sollen, anstatt seine Wut über diese kleine Unannehmlichkeit so weit eskalieren zu lassen. Durch seine Reaktion hat er nicht nur den Bienenstock zerstört, sondern auch sein eigenes Wohl gefährdet.
Die Fabel zeigt uns, dass es klüger ist, kleinere Ärgernisse zu akzeptieren, anstatt sie durch unüberlegte Handlungen zu verschlimmern. Gelassenheit und Selbstbeherrschung sind wichtig, um größere Schäden zu vermeiden, die aus impulsivem Verhalten entstehen können
